Im Süden von Bloomia, wo die Hänge in breiten Terrassen zum Tal absteigen, steht der Sonnentempel. Er ist kein Tempel mit Türmen und Toren, sondern ein weiter, offener Hof aus altem, warmem Stein, umstanden von Mauern, die den ganzen Tag die Sonne trinken und sie nachts leise wieder hergeben. An diesen Mauern reifen die Tomaten. Sie tun das langsam, sehr langsam, und niemand hat es hier eilig: die Mauern nicht, die Tomaten nicht, und am allerwenigsten der, der über sie wacht.
Pomoro ist der Älteste der sechs Hüter. Ein kleiner Küchenzauberer mit einem spitzen Zauberhut, einem langen Holzlöffel und Augenbrauen, die mehr sagen können als die meisten Münder. Er ist die ruhige Autorität am Abendtisch von Bloomia: Wenn Pomoro nickt, ist das Essen fertig. Nicht vorher.
FunKu platzte in den Hof, wie FunKu eben in Höfe platzt: mit Anlauf, Staub und einem umgeworfenen Blumentopf.
Pomoro hob eine Augenbraue. Er seufzte sein berühmtes, leises Seufzen: halb Nachsicht, halb Zuneigung, ganz Pomoro. Und rührte weiter.
„Ich bin FunKu!“, sagte FunKu. „Ich komme von Lino, der von Kometto wusste, der von Safi …“
„Ich weiß, wer du bist“, sagte Pomoro, ohne vom Topf aufzusehen. „Der Wind erzählt es seit Tagen. Der kleine Drache, der die Farben weckt.“ Er sah kurz auf, und in seinen Augen saß ein Funkeln, das viel älter wirkte als er. „Du bist schnell.“
„Danke!“
„Das war kein Lob und kein Tadel“, sagte Pomoro. „Schnell ist gut für den Anfang. Der erste Löffel braucht Schnelligkeit, sonst kommt ihm die Angst zuvor. Aber den Geschmack, den ich hüte, bekommst du nicht durch schnell.“ Er hob den Holzlöffel und deutete damit über die Mauer, auf die Felder hinter dem Tempel.
Dort sah FunKu das Grau wieder, aber es war anders als im Krater, anders als auf den Wiesen. Hier hatte der Grausturm seine liebste, seine leiseste Lüge erzählt: dass man Tiefe einfach dazukippen kann. Auf den grauen Feldern standen die Töpfe der Ungeduldigen. Ein Löffel Zucker hier, weil es schneller ging. Eine Prise Irgendwas dort, weil auf der Packung „schmeckt wie früher“ stand. Alles sofort, alles jetzt, und alles schmeckte gleich, nämlich nach nichts mit Zucker drauf.
„Sie meinen, Geschmack sei etwas, das man draufkippt“, sagte Pomoro. „Dabei ist Geschmack das, was übrig bleibt, wenn man Zeit gibt. Eine Tomate an dieser Mauer braucht den ganzen Sommer. Jeden einzelnen Tag davon schmeckst du nachher mit. Es gibt keine Abkürzung für die Sonne.“
„Aber“, FunKu trat unruhig von einer Pfote auf die andere, „was ist mit deiner Dose? Die ist doch auch schnell?“
Pomoro lächelte zum ersten Mal. „Gute Frage. Setz dich.“
FunKu setzte sich.
„Die Dose ist nicht schnell“, sagte Pomoro. „Die Dose ist fertig gewartet. Der ganze Sommer, die ganze Reife, die ganze Zeit: die stecken schon drin, verstehst du? Jemand hat gewartet, damit du nicht warten musst: die Tomaten an der Mauer, die Sonne auf der Schale, das langsame Trocknen, bei dem nichts verloren geht. Was du einrührst, ist gespeicherte Geduld.“ Er nahm seinen Löffel. „Und jetzt pass auf. Ich zeige dir das einzige Warten, das du selbst noch tun musst. Es dauert einen Atemzug.“
Er setzte einen kleinen Topf auf, gab einen Schimmer Öl hinein und ließ ihn warm werden. Nicht heiß, warm. Dann nahm er einen Löffel satt-roten Tomaten Glut und ließ ihn ins Öl fallen.
Es zischte. Leise, wie ein zufriedenes Einatmen.
Und dann stieg der Duft auf.
FunKu hatte auf seiner Reise schon viel gerochen: Beeren und Morgen und Wald und Gold. Aber das hier war anders. Das roch nach ganzem Sommer. Nach Garten um sechs Uhr abends. Nach langen Tagen, nach warmem Stein, nach einem Zuhause, in dem jemand kocht, der es nicht eilig hat. Der Duft lief über die Mauern und die Terrassen hinab, und unten im Tal blieben die Menschen auf der Straße stehen und hoben die Nase, und einer sagte zu seiner Tochter: „So hat es bei deiner Oma gerochen.“
„Riechst du das?“, fragte Pomoro leise. „Das ist keine Zauberei. Das ist Geduld, die man schmecken kann. Das Beste braucht nicht Zucker. Das Beste braucht Zeit, und die Zeit ist schon drin.“
Dann rührte er den Glut-Löffel in die blubbernde Sauce, ließ sie noch einen Moment ziehen („ein Atemzug für dich, du hast das ja gelernt“) und zog einen roten Streifen über die dampfende Pasta.
FunKu, der noch nie in seinem Leben auf irgendetwas gewartet hatte, wartete. Einen ganzen Atemzug lang. Es war der längste Atemzug seines Lebens, und er hätte fast geschummelt.
Dann probierte er.
Und er schmeckte die Sonne von vielen, vielen Tagen auf einmal.
Über dem Tempel riss das Grau auf wie ein alter Vorhang, und der Abendhimmel darunter war so rot und golden, dass die Tomaten an den Mauern vor Stolz noch eine Spur röter wurden. Im Hof stand eine lange Tafel aus warmem Stein, und auf einmal (FunKu hätte nicht sagen können, wie es geschah) war sie gedeckt, und es war Platz für alle: für die Ungeduldigen von den grauen Feldern, für die Kinder aus dem Tal, für einen kleinen Drachen mit Reisestaub auf den Flügeln.
„Der Tisch ist die Mitte“, sagte Pomoro, während er auffüllte, Teller um Teller, ohne Eile. „Nicht der Topf, nicht der Zucker, nicht die Uhr. Hierher kommt die Familie am Abend zusammen, und hier gewinnt man gegen das Vergessen: nicht mit Kämpfen, sondern mit Sitzenbleiben.“
Später, als die Teller leer waren und die Mauern ihre Tageswärme in die Nacht flüsterten, erzählte Pomoro Geschichten. Er war der Älteste; er kannte welche, die sonst niemand mehr kannte. Und als FunKu vom silbrig-violetten Leuchten erzählte und vom Summen im Wind, da schwieg Pomoro lange.
„Meine Großmutter“, sagte er schließlich, „hat von einer Siebten gesprochen. Einer Hüterin, die kein Gebiet hat, weil ihr das Dazwischen gehört: der Rand zwischen Tag und Nacht, der Moment zwischen zwei Bissen, die Stelle am Himmel, wo eine Farbe in die andere übergeht.“ Er hob die Augenbraue, halb Lächeln, halb Rätsel. „Ich habe es immer für ein Märchen gehalten. Aber ich bin alt genug zu wissen, dass Märchen selten lügen.“
Er stand auf und sammelte die Teller. „Eines fehlt dir noch, kleiner Drache. Das Grün. Geh morgen früh zu Verdino, in den Wachsenden Garten.“ Er seufzte sein leises Seufzen, diesmal klang es warm. „Aber dräng ihn nicht. Er wächst in seinem eigenen Tempo. Wie alles, was bleibt.“