Der Wachsende Garten liegt dort, wo Bloomia am leisesten ist. Kein Wind wie auf den Flüsterhöhen, keine springenden Quellen wie im Krater: nur Beete, Ranken, Kräuterhügel und das kaum hörbare Geräusch von Dingen, die sich Zeit lassen. Im Wachsenden Garten steht nichts still, aber nichts hat es eilig. Wer genau hinsieht, kann zusehen, wie eine Bohnenranke sich in einer Stunde um eine halbe Fingerbreite weiterdreht. Die meisten sehen nicht genau hin. Verdino schon.
Verdino ist ein grüner Garten-Dino mit einer kleinen Krone aus Kräutern zwischen den Ohren, einer Gießkanne, die er nie aus der Pfote legt, und Erde an den Händen, immer. Er ist der Langsamste der sechs Hüter, und das ist keine Schwäche, sondern sein ganzes Geheimnis: Er gießt, wartet, schaut, gießt wieder. „Wachsen ist nicht schnell“, sagt Verdino. „Wachsen ist sicher.“
Als FunKu am Morgen ankam, kam er anders an als sonst.
Er platzte nicht. Er stolperte nicht einmal (na gut: fast nicht). Er landete am Gartentor, faltete die Flügel und ging zu Fuß hinein, vorsichtig, zwischen den Beeten hindurch, denn er hatte unterwegs einiges gelernt: das Hinsehen von Safi, die Atemzüge von Kometto, das Flüstern von Lino, das Warten von Pomoro. Ein kleines bisschen von jedem trug er jetzt mit sich herum, zusammen mit seiner Dose.
Was er im Garten sah, machte ihn still.
Der halbe Garten war grau. Nicht wild verwüstet, nicht zerstört: nur aufgegeben. Beete, in denen das Grün blass geworden war wie ein Foto, das zu lange in der Sonne lag. Und mittendrin kniete Verdino und goss die grauen Pflanzen. Alle. Auch die, die aussahen, als würden sie nie wieder grün.
„Warum gießt du die noch?“, fragte FunKu leise.
„Weil ich nicht weiß, welche sich erinnern wird“, sagte Verdino, ohne aufzuhören. „Das weiß man nie vorher. Man gießt trotzdem.“
Er richtete sich auf und wischte sich die Pfoten an den Knien ab. „Du bist der Drache, von dem der Wind erzählt. Ich habe auf dich gewartet.“ Er lächelte. „Ich warte gut, weißt du.“
„Was ist hier passiert?“, fragte FunKu. „Der Grausturm?“
„Ja. Aber hier musste er sich nicht einmal anstrengen.“ Verdino setzte sich auf den Rand eines Hochbeets, und FunKu setzte sich dazu. „Beim Grünen geben die meisten am schnellsten auf. Ein Kind sagt einmal nein zum Grünen, ein einziges Mal, und schon kommt es nie wieder auf den Teller. Die Großen seufzen und sagen: Das mag es eben nicht. Der Grausturm muss gar nichts tun. Er muss nur warten, bis die Großen aufgeben.“ Er sah über die grauen Beete. „Von allen Farben wird Grün am schnellsten vergessen. Und am längsten vermisst.“
„Und was machst du dagegen?“, fragte FunKu. Es war das vierte Mal auf seiner Reise, dass er diese Frage stellte, und diesmal war er wirklich gespannt.
„Ich gebe nicht auf“, sagte Verdino und lächelte. „Aber ich dränge auch nicht.“
Er stand auf und holte eine Schale: ein warmes Kartoffelpüree, vertraut und weich, das Lieblingsessen von so ziemlich jedem Kind in Bloomia. Dann nahm er einen halben, wirklich nur einen halben, Löffel herzhaft grünen Basilikum Brise und streute ihn darüber, ein feiner grüner Schleier auf etwas Geliebtem.
„Siehst du, was ich nicht getan habe?“, fragte Verdino. „Ich habe nicht alles neu gemacht. Ich habe nicht gesagt: Ab heute ist alles grün. Nur ein bisschen Grün auf etwas, das schon geliebt wird. Ein halber Löffel reicht für heute. Morgen wieder ein bisschen. Grün muss nicht kämpfen. Es darf einfach dabei sein: so lange, bis es dazugehört.“
„Und wenn das Kind nein sagt?“
„Dann sagt es nein“, sagte Verdino gelassen. „Wer heute nein sagt, sagt vielleicht in zwei Wochen ja. Oder in zwei Monaten. Oder nie. Auch das ist in Ordnung. Ein Nein ist kein verlorener Kampf, FunKu. Es ist nur ein Tag im Garten. Morgen wird wieder gegossen.“
FunKu probierte das Püree mit dem grünen Schleier. Es schmeckte vertraut, und dann, hintendrauf, frisch und kräuterig und ein kleines bisschen wie Sommerabend im Garten. Nicht laut. Dabei. Und während er probierte, geschah im Beet neben ihm etwas: Ein einziger grauer Basilikumstängel richtete sich auf, ganz langsam, wie jemand, der aus einem langen Schlaf erwacht, und erinnerte sich an sein Grün.
Verdino sah es und nickte nur, als hätte er nie etwas anderes erwartet. „Siehst du. Man gießt trotzdem.“
Und dann, gegen Abend, geschah das Neue.
Sie kamen.
Zuerst hörte FunKu nur ein Lachen über den Hügeln, Safis Glockenlachen, und da war sie schon, sanft glühend im Abendlicht. Hinter ihr, gemächlich und mitten in einem Gähnen, Kometto. Vom Grat herab kam Lino, so leise, dass die Kräuter sich verneigten, statt zu rascheln. Und zuletzt, würdevoll und ohne jede Eile, mit seinem Holzlöffel wie ein Wanderstab: Pomoro.
„Der Wind hat es erzählt“, flüsterte Lino.
„Die Sterne auch“, gähnte Kometto.
„Und ich habe es im Wasser gesehen“, sagte Safi und strahlte.
„Ich habe einfach die Straße genommen“, sagte Pomoro trocken und hob eine Augenbraue.
Sechs Hüter in einem Garten. Das hatte es noch nie gegeben: jeder hütete sonst sein Gebiet, seinen Teil des Tages, seine Farbe. Aber an diesem Abend deckten sie zusammen einen Tisch, mitten im halbgrauen Garten: FunKu mit seinem Pink, Safi mit ihrem Gelb, Kometto mit dem Braun, Lino mit dem Gold, Pomoro mit dem Rot, und Verdino mit seinem Grün. Sechs Farben an einem Tisch.
Und wo die sechs zusammen standen, konnte der Grausturm nicht bleiben.
Er zog sich zurück, Beet um Beet, Hügel um Hügel, nicht besiegt, nicht verschwunden (Grausturme verschwinden nie ganz), aber klein geworden, an den Rand gedrängt, dorthin, wo niemand deckt und niemand gießt und niemand probiert. Der Garten atmete auf. Das Grün kam wieder, zögernd erst, dann in Wellen.
„Wir können das Vergessen nicht stoppen“, sagte Verdino leise in die Runde, während die Farben den Garten zurückeroberten. „Niemand kann das. Aber wir können Inseln bauen. Einen Tisch. Eine Küche. Einen Löffel nach dem anderen. Und solange irgendwo eine Familie sich erinnert, wie Vielfalt schmeckt, bleibt eine Farbe wach.“
Sie saßen noch lange am Feuer, satt und müde und sehr zufrieden. FunKu lag auf dem Rücken und sah in den Himmel, wo die Farben des Tages weich ineinander übergingen: das letzte Gold über dem Grat, ein Streifen Rot vom Tempel her, das erste tiefe Blau der Nacht.
Und da, genau im Dazwischen, wo keine Farbe mehr die eine und noch nicht die andere war, sah er es wieder. Das silbrig-violette Leuchten. Näher als je zuvor. Es stand einen Atemzug lang still über dem Garten, als würde es herabsehen auf den gedeckten Tisch und die sechs Farben, und FunKu hätte schwören können, dass es sich freute.
„Da oben“, sagte Verdino, der seinem Blick gefolgt war. „Im Dazwischen von Tag und Nacht. Da warten noch weitere.“
„Wer?“, fragte FunKu.
Verdino lächelte und goss aus seiner Kanne einen letzten Schluck Wasser auf ein Beet, in dem noch gar nichts wuchs. Für morgen. „Aber das“, sagte er, „ist eine andere Geschichte.“