Episode 4 — Lino und das geflüsterte Gericht: goldener Curry-Topf in der Abendsonne
Bloomia-Saga · Staffel 1 · Episode 4

Lino und das geflüsterte Gericht

Flüsterhöhen · Curry Geflüster · mild-golden · Vorlesezeit ca. 7 Minuten

Wer aus dem Sternenwald bergauf wandert, merkt, wie die Welt sich verändert. Die Bäume werden kleiner und machen hohen, seidigen Gräsern Platz, und irgendwann ist da nur noch Himmel, Wind und Halme. Das sind die Flüsterhöhen. Der Wind streicht dort ohne Pause durch das Gras und trägt jedes Wort weiter, kilometerweit, von Grat zu Grat. Wer auf den Flüsterhöhen ein Geheimnis laut ausspricht, kann sicher sein, dass es am Abend das ganze Gebirge kennt.

Darum spricht Lino so leise.

Lino ist ein Tiger mit goldenen Streifen, die im Gegenlicht schimmern wie warmer Honig. Er ist groß, viel größer als FunKu, und könnte vermutlich sehr laut brüllen, wenn er wollte. Aber Lino will nie. „Wer leise spricht“, sagt er, „dem kommt man näher. Und wer näher kommt, der hört wirklich zu.“ Genau das ist sein Trick.

FunKu kam den letzten Grat herauf, immer noch beschwingt von Pink und Gelb und Braun, den Kopf voller Funken und Sterne, und stutzte.

Hier oben roch es anders. Nicht süß. Er schnupperte (vorsichtiger diesmal, er hatte gelernt). In der Luft lag eine Farbe, die er nicht kannte: mild und golden und warm, aber nicht warm wie Kakao. Warm wie … er fand das Wort nicht. Würzig? Tief? Es roch nach Mittagessen bei jemandem, den man gerade erst kennenlernt.

„Aber das hier“, sagte FunKu langsam, „das ist nicht süß.“

„Nein“, sagte eine Stimme, so leise, dass FunKu zwei Schritte näher treten musste. Zwischen den Halmen saß Lino und rührte in einer Schale. „Das ist es nicht.“

„Süß kenne ich“, sagte FunKu und trat noch einen Schritt näher, obwohl er eigentlich stehen bleiben wollte. „Süß ist zu Hause. Das hier macht mir …“ Er zögerte, weil Drachen so etwas nicht gern zugeben. „… ein bisschen Angst.“

Lino lächelte, und seine goldenen Streifen schimmerten. „Das“, flüsterte er, „tut der Grausturm gern.“

„Der Grausturm macht Angst vor Gerichten?“

„Der Grausturm macht Angst vor allem, was man noch nicht kennt“, sagte Lino. „Er sagt den Menschen: Bleib beim Süßen, das ist sicher. Süß mag doch jeder. Alles andere ist zu viel, zu fremd, zu gewagt. Und weißt du, was dann passiert?“ Er deutete mit der Pfote hinüber zu den Dörfern an den Hängen. „Dann essen die Kinder morgens süß, mittags süß, abends süß. Nicht, weil süß schlecht wäre: süß ist wunderbar. Sondern weil die ganze andere Hälfte der Welt verblasst, wenn sich niemand mehr herübertraut. Die herzhafte Hälfte. Die warme, goldene, würzige Hälfte.“ Er sah FunKu an. „Deine Angst gerade eben: das war der Grausturm. Er wohnt in dem kleinen Moment vor dem ersten Löffel.“

FunKu dachte an den Krater zurück, an den allerersten Funken. „Da wohnt auch der Mut“, sagte er.

„Genau da“, flüsterte Lino und schob ihm die Schale hin. Warmer Reis, und darüber, frisch eingerührt, ein Löffel mild-goldenes Curry Geflüster. Der Duft stieg auf wie ein Versprechen, von dem man nicht weiß, worauf.

„Warte“, sagte Lino, als FunKu ansetzte. „Erst rate. Bevor du schmeckst: Was glaubst du, wie es schmeckt?“

„Scharf!“, sagte FunKu sofort und kniff schon vorsorglich die Augen zu. „Feurig! Gefährlich! Drachen wissen so was!“

„Und jetzt probier.“

FunKu probierte. Mit zugekniffenen Augen, angespannten Ohren und einem Notfallplan (schnell zum Wassertopf).

Es brannte nicht.

Es war warm. Nicht heiß. Warm. Golden und freundlich, wie eine Decke für die Zunge. Da war die Süße von Mango, die er kannte, aber sie war nur ein Gast hier, nicht der Gastgeber. Da war etwas Tiefes, Rundes, und etwas Feines, Fremdes, das nach weiter Ferne schmeckte und trotzdem nach zu Hause.

FunKu machte die Augen auf. „Das ist ja gar nicht scharf“, sagte er empört und ein bisschen enttäuscht und vor allem sehr, sehr erleichtert.

„Siehst du“, flüsterte Lino. „Du hast mit der Angst geraten, nicht mit der Zunge. Das machen fast alle. Gold muss nicht brennen, um warm zu sein. Wärme muss nicht laut sein. Und zwischen süß und herzhaft liegt keine Mauer: nur eine Brücke, über die sich noch keiner getraut hat.“

Wo FunKu den ersten herzhaften Löffel seines Lebens probiert hatte, legte sich ein goldener Schimmer über die Halme. Er lief die Hänge hinab wie ausgeschüttetes Abendlicht, und ein Stück der vergessenen Hälfte der Welt kam zurück: In den Dörfern hob jemand den Deckel von einem Topf, der lange nicht mehr auf dem Herd gestanden hatte, und ein Kind fragte: „Was riecht da so gut?“

Den Nachmittag über zeigte Lino FunKu die Flüsterhöhen. Er zeigte ihm, wie man würzt wie ein Flüstern: in Schichten, ein bisschen, dann horchen, dann noch ein bisschen, und niemals wie ein Schrei. „Wer alles auf einmal in den Topf wirft, übertönt sich selbst“, sagte er. „Die beste Würze ist die, die man erst beim zweiten Löffel bemerkt.“

„Du bist das Scharnier“, sagte FunKu irgendwann, weil ihm das Wort eingefallen war und er stolz darauf war. „Zwischen dem Süßen und dem Herzhaften.“

„Ein schönes Wort“, flüsterte Lino. „Vom Morgen zum Abend, vom Süßen zum Herzhaften. Irgendwo muss der Tag ja die Seite wechseln.“

Gegen Abend, als der Wind sich legte, geschah noch etwas. In der plötzlichen Stille (auf den Flüsterhöhen ist Stille so selten, dass alle Halme aufhorchen) hörte FunKu einen Ton. Ganz fern, ganz zart, wie eine Saite, die jemand vor langer Zeit angeschlagen hat und die immer noch klingt. Er kam von dort, wo der Himmel violett wurde.

„Lino“, flüsterte FunKu (man flüstert automatisch, wenn man neben Lino steht), „hörst du das auch?“

Lino stand sehr still, die Ohren gedreht. „Ja“, sagte er nach einer Weile. „Der Wind bringt das manchmal mit, in letzter Zeit öfter. Ein Summen aus dem Dazwischen.“ Er sah FunKu an, und zum ersten Mal wirkte der große Tiger, als wüsste er etwas nicht. „Es klingt nicht grau, so viel kann ich dir sagen. Es klingt wie eine Farbe, die wir noch nicht kennen.“

Dann deutete er hinab ins Tal auf der anderen Seite, wo an alten, warmen Mauern rote Punkte in der Dämmerung glommen. „Den tiefsten Geschmack von allen hütet Pomoro, im Sonnentempel. Geh zu ihm. Aber sei geduldig: er lässt sich Zeit. Bei Pomoro“, Lino lächelte, „ist das Warten Teil des Rezepts.“

Was diese Episode für Eltern trägt:
Kernidee: Die Brücke vom Süßen ins Herzhafte. Kinder raten oft mit der Angst statt mit der Zunge: „erst raten, dann probieren“ macht das sichtbar und nimmt dem Neuen den Schrecken.
Am Tisch: „Linos leiser Löffel“: Vor dem Probieren raten („Wie wird es schmecken?“), danach vergleichen („Und wie war es wirklich?“). Würzen in Schichten: ein halber Löffel, umrühren, horchen, nachlegen.
Gesprächsfunke: „Hast du schon mal gedacht, etwas schmeckt bestimmt schrecklich, und dann war es gut?“
Für dich als Vorleser:in: Linos leises Flüstern liest sich genauso gern vor, wie es klingt.