Im Sternenwald ist es immer ein bisschen Nacht. Die Bäume stehen dort so hoch und so dicht, dass der Tag nur in dünnen, goldenen Fäden bis zum Boden findet, und wer zwischen den Stämmen steht, hat das Gefühl, die Welt hätte die Stimme gesenkt. Erst wenn alles still wird, wirklich still, treten oben zwischen den Wipfeln die Sterne hervor. Die Waldbewohner sagen: Die Sterne sind nicht schüchtern, sie sind nur vorsichtig. Sie zeigen sich denen, die warten können.
Hier lebt Kometto, ein kakaobrauner Koala mit einem Sternenmuster im Fell, das nur im Dunkeln leuchtet. Kometto ist der Ruhigste der sechs Hüter. Er tut alles langsam: langsam klettern, langsam lächeln, langsam denken, und was er am allerlangsamsten und am allerbesten tut, ist gähnen. Wer ihn etwas fragt, bekommt eine Antwort. Man muss nur dableiben, bis sie kommt.
Als FunKu in den Wald gerauscht kam: Zweige knackten, Blätter stoben, ein aufgeschreckter Vogel beschwerte sich lautstark. Da saß Kometto in seiner Astgabel und öffnete ein Auge.
„Safi schickt mich!“, rief FunKu von unten. „Es geht um den Grausturm! Es ist dringend! Es ist …“
Kometto hob eine Pfote. Dann gähnte er.
Es war ein ausführliches, herzhaftes, rundum gelungenes Gähnen, das sich Zeit ließ wie ein Sonnenuntergang. FunKu wartete. Das Gähnen ging weiter. FunKu wartete immer noch, und weil er nicht wusste, wohin mit sich, zählte er die Sterne im Fell des Koalas. Er kam bis vierzehn.
Erst danach sagte Kometto: „Hallo.“
„Hallo“, sagte FunKu automatisch. „Aber …“
„Hörst du das?“, fragte Kometto.
FunKu lauschte. „Ich höre nichts.“
„Eben“, sagte Kometto und kletterte bedächtig herab, Ast für Ast. „Hier nicht. Aber da draußen.“ Er deutete mit der Nase zum Waldrand, dorthin, wo unten im Tal die Häuser der Menschen standen. „Es ist so laut geworden. Der Grausturm muss gar nicht grau sein, weißt du. Manchmal ist er nur Lärm. Eile. Immer schneller, immer mehr, immer nebenbei. Er nimmt niemandem den Geschmack. Er nimmt nur die Zeit, ihn zu bemerken.“
Sie gingen zusammen zum Waldrand, und FunKu sah hinunter. In den Häusern war der Abend zu einem Rennen geworden. Das Essen zog vorbei wie Post, die man nicht liest. Alles musste schnell gehen, alles war laut, und je schneller es ging, desto weniger blieb davon hängen, und je weniger hängen blieb, desto schneller ging es. Es war ein Kreisel, der sich immer schneller drehte, und obendrüber, zufrieden wie eine satte Katze, hing das Grau.
„Sind die da unten alle böse?“, fragte FunKu.
Kometto sah ihn an, als hätte er gleichzeitig etwas sehr Dummes und etwas sehr Kluges gesagt. „Niemand da unten ist böse“, sagte er. „Sie haben es eilig. Das ist nicht dasselbe. Von hier oben sieht es leider gleich aus.“
„Der Grausturm flüstert ihnen zu, dafür sei keine Zeit“, sagte Kometto langsam. „Dabei braucht es gar nicht viel. Manches muss nur langsamer sein.“
„Und was machen wir?“, fragte FunKu. Er merkte selbst, dass er diese Frage jetzt zum dritten Mal auf dieser Reise stellte, und jedes Mal kam eine andere Antwort.
„Wir machen das Gegenteil von schnell“, sagte Kometto. „Komm mit. Ich zeig dir die Wärme der Stille.“
In seiner Höhle zwischen den Wurzeln des größten Baumes machte Kometto warme Milch, so umständlich und liebevoll, wie nur Kometto etwas machen kann. Dann rührte er einen Löffel kakaobraunen Komet hinein, Kreis um Kreis, bis die Milch aussah wie flüssiger Abend. Er reichte FunKu die Tasse.
FunKu setzte an.
„Halt“, sagte Kometto freundlich. „Bevor du trinkst: drei Atemzüge.“
„Drei was?“
„Atemzüge. Eins. Zwei. Drei. Dann trink.“
FunKu hielt die Tasse und zappelte.
Einen. Das war schwerer, als es klang.
Zwei. Seine Schwanzspitze zuckte, seine Ohren wackelten, alles in ihm wollte JETZT und SOFORT und SCHNELL.
Und mittendrin sagte eine Stimme, ganz freundlich, ganz vernünftig: Trink doch einfach. Sie wird kalt.
FunKu hielt inne. Er kannte diese Stimme inzwischen. Im Krater hatte sie gesagt, er solle es lassen. Auf den Wiesen hatte sie gesagt, er solle endlich essen. Jetzt sagte sie, die Milch werde kalt, und das Ärgerliche daran war: Es stimmte sogar. Ein bisschen.
„Kometto“, sagte FunKu, ohne die Augen zu öffnen. „Wird sie kalt?“
„Ein bisschen“, sagte Kometto. „Drei Atemzüge kosten drei Atemzüge. Mehr kosten sie nicht.“
Drei.
Und dann, genau in diesem dritten Atemzug, geschah etwas Merkwürdiges. Der Duft aus der Tasse stieg ihm in die Nase: Wald, Wärme, etwas Dunkles, Feines. Und sein ganzes Zappeln wurde weich.
Er trank.
Das Braun schmeckte nach Wald und Wärme und nach Abend am Feuer. Und das war das Wunderlichste: Es schmeckte ganz von selbst nach genug. Nicht zu viel. Nicht zu wenig. Genug.
Über den Wipfeln, dort, wo eben noch grauer Himmel gewesen war, ging leise ein Stern an.
„Hörst du“, flüsterte Kometto, „wie ruhig braun schmecken kann?“
FunKu nickte. Und zum ersten Mal auf seiner ganzen Reise, vielleicht zum ersten Mal in seinem ganzen Leben, flüsterte er zurück: „Ja.“
Sie saßen noch lange am Feuer, und Kometto erzählte mit seiner langsamen Stimme vom Wald: dass die Sterne in all den grauen Nächten nicht verschwunden waren, nur müde. „Wozu funkeln“, hätten sie geseufzt, „es sieht ja doch keiner hin.“
Unten im Tal war zur selben Zeit Abend.
In einem der Häuser stand eine Tasse auf dem Tisch, und davor saß ein Kind. Es war dasselbe Kind, das vor zwei Tagen etwas auf seinem Teller nur angesehen hatte. Dasselbe, das gestern an einem Korb Beeren stehen geblieben war.
Heute hatte es keine Eile.
Das kam nicht oft vor. Meistens war der Abend auch hier ein Rennen, und meistens rannte das Kind mit. Aber heute war irgendetwas früher fertig geworden oder irgendetwas hatte länger gedauert, jedenfalls saß es einfach da, hielt die Tasse mit beiden Händen und sah aus dem Fenster.
Es trank langsam. Nicht, weil jemand es gesagt hätte. Sondern weil die Tasse warm war und es draußen dunkel und weil es sich gut anfühlte.
Und irgendwo über dem Sternenwald beschloss der erste Stern, wenigstens für dieses eine Kind zu funkeln. Neben ihm der nächste.
So baute Kometto seine Insel des Erinnerns: nicht durch mehr, sondern durch langsamer.
Als FunKu schon halb schlief, sah er durch die Wipfel den Himmel. Zwischen zwei Sternen, ganz weit hinten, schimmerte etwas, das kein Stern war. Silbrig. Violett. Es wanderte langsam, wie jemand, der nachts durch ein schlafendes Haus geht und die Türen leise schließt.
„Kometto“, murmelte FunKu, „was ist das da?“
Kometto folgte seinem Blick. Er folgte ihm so lange, dass FunKu darüber fast wieder eingeschlafen wäre.
„Weiß ich nicht“, sagte er schließlich.
Das war bemerkenswert. Kometto kannte den Nachthimmel besser als jeder andere in Bloomia. Er wusste, welcher Stern im Herbst zuerst kam und welcher im Winter immer fehlte. Er hatte diesen Himmel sein ganzes langsames Leben lang angesehen.
„Es ist neu“, sagte er. Dann gähnte er nachdenklich. „Oder … sehr, sehr alt.“
„Was von beidem?“, murmelte FunKu.
„Das“, sagte Kometto, „ist genau die Frage.“
Am Morgen packte Kometto FunKu Proviant ein und zeigte mit der Pfote den Pfad hinauf, wo die Bäume niedriger wurden und der Wind durch hohe Halme strich. „Geh zu Lino, in die Flüsterhöhen“, gähnte er. „Er kennt den Weg vom Süßen ins Herzhafte. Und er spricht noch leiser als ich. Du wirst gut zuhören müssen.“ Er lächelte sein langsames Lächeln. „Das kannst du ja jetzt.“