Episode 2 — Safi und die drei Sinne: sonnengelbe Limonade unter Mangobäumen auf den Morgenwiesen
Bloomia-Saga · Staffel 1 · Episode 2

Safi und die drei Sinne

Morgenwiesen · Maracuja Wirbel · sonnig gelb · Vorlesezeit ca. 7 Minuten

Auf den Morgenwiesen erwacht der Tag zuerst. Noch bevor die Sonne über den Rand von Bloomia schaut, liegt hier schon ein Schimmer in der Luft, als würde die Wiese den Morgen üben. Zwischen hohen Gräsern liegen kleine, runde Teiche, still wie Spiegel, und wenn der Wind hindurchstreicht, riecht es nach warmem Gras und nach etwas Süßem, das man nicht gleich benennen kann.

Hier wohnt Safi, die Sonnenfee. Sie ist klein, kleiner als FunKu, und ihre Flügel sind weich wie Blütenblätter. Das Besondere an Safi sieht man erst, wenn sie ganz ruhig wird: Dann beginnt sie sanft zu glühen, von innen heraus, wie eine Kerze hinter einem gelben Vorhang. Die Wiesenbewohner sagen: Safi leuchtet, wenn sie wirklich hinschaut.

An diesem Morgen saß Safi am größten der Spiegelteiche und sah ins Wasser. Sie sagte kein Wort. Sie sah nur.

Genau in diesen stillen Moment platzte FunKu.

Er kam über den Hügel gerumpelt, halb fliegend, halb kullernd, die kleine Dose fest unter dem Flügel, und schlitterte im Gras aus, bis er direkt vor Safi zum Liegen kam. „Schnell!“, platzte er heraus, noch ganz außer Atem. „Probier! Es ist pink! Also, meins ist pink. Deins wäre gelb, glaube ich. Egal! Probier einfach!“

Safi sah ihn an. Dann lächelte sie. „Gleich“, sagte sie. „Erst schauen.“

„Schauen?“ FunKu wedelte ungeduldig mit dem Schwanz. „Man kann Schauen doch nicht essen!“

„Nein“, sagte Safi. „Aber das Schauen gehört dazu. Es ist der Anfang.“ Sie deutete mit dem Flügel über die Wiesen, und jetzt erst sah FunKu, was hier geschehen war.

Der Grausturm war auch hier gewesen. Aber er hatte etwas anderes mitgenommen als im Krater. Die Farben waren noch da, blasser, müder, aber da. Was fehlte, waren die Blicke.

Unten am Wiesenrand ging der Tag seinen Gang. Ein Teller wurde hingestellt und war leer, bevor irgendjemand gesehen hatte, was darauf lag. Ein Korb Beeren stand seit dem Morgen auf einer Bank in der Sonne, und alle gingen daran vorbei, und keiner blieb stehen. Es wurde nicht wenig gegessen auf den Morgenwiesen. Es wurde nur nichts angesehen.

„Der Grausturm hat ihnen nicht den Geschmack genommen“, sagte Safi leise. „Er hat ihnen das Hinsehen genommen. Und was niemand mehr ansieht, das verblasst. Es glaubt irgendwann selbst nicht mehr, dass es jemand vermisst.“

FunKu sah zu dem Korb hinunter. „Die Beeren wissen gar nicht, dass sie da sind“, sagte er.

„Doch“, sagte Safi. „Aber es weiß sonst niemand. Und das ist fast dasselbe.“

FunKu sah auf seine Dose. Auf einmal kam sie ihm sehr wichtig vor. „Und was machen wir?“

„Das, was ich jeden Morgen mache“, sagte Safi. „Wir üben das Hinsehen. Komm.“

Sie nahm einen Löffel von FunKus Geschwister-Funken, den sonnig gelben, der nach Maracuja und Mango duftete, und hielt ihn ins Morgenlicht. „Erste Übung“, sagte sie. „Schau. Bevor du schmeckst: Welche Farbe ist das? Was siehst du?“

FunKu kniff die Augen zusammen. „Gelb“, sagte er. Dann, weil Safi wartete: „Gelb wie … wie die Sonne, wenn sie gerade erst aufsteht. Mit ein bisschen Orange am Rand.“

Safi nickte, und ihr Glühen wurde eine Spur wärmer. „Zweite Übung. Riech. Woran erinnert dich das?“

FunKu beugte sich vor und schnupperte. Er schnupperte gründlich. Er schnupperte so gewaltig, dass ihm der gelbe Staub in die Nase stieg und er ein Niesen aufsteigen fühlte, ein großes, ein drachengroßes: „Ha… haaa… HATSCHI!“

Der gelbe Staub flog in einer glitzernden Wolke über die Wiese. Safi lachte ihr Glockenlachen. Und dann geschah es: Wo der gelbe Hauch niederging, wachten die Farben auf. Die Gräser reckten sich, die Blumen schlugen die Augen auf, und über den östlichen Hügeln schob sich die Sonne hervor, als hätte sie nur auf ein Zeichen gewartet.

„Siehst du“, sagte Safi. „Manchmal sagt die Nase mehr als die Zunge. Wahrnehmen ist schon Schmecken. Wer hinschaut, bevor er urteilt, hat schon angefangen.“

FunKu war für einen ganzen Atemzug still, was für FunKu eine sehr lange Zeit ist.

Dann meldete sich etwas in ihm, und es klang ausgesprochen vernünftig. Jetzt iss doch endlich, sagte es. Du hast Hunger. Schauen kostet Zeit, und satt wirst du davon auch nicht.

FunKu drehte sich um. Niemand hatte gesprochen. Über den Morgenwiesen stand kein Grau, kein Fetzen, keine Wolke, nur ein sehr blauer Himmel.

„Safi“, sagte er langsam. „Er redet auch, wenn er gar nicht da ist. Oder?“

Safi hörte auf zu glühen. Nur ganz kurz. „Ja“, sagte sie. „Das ist das Unangenehme an ihm. Er muss nicht bleiben. Er muss es nur einmal gesagt haben. Danach sagt man es sich irgendwann selber, und dann klingt es wie die eigene Meinung.“

„Und was macht man dagegen?“

„Man widerspricht ihm nicht. Man schaut einfach weiter.“ Sie nickte zum Löffel. „Dritte Übung.“

„Es gibt eine dritte?“

„Es gibt immer eine dritte“, sagte Safi. „Halt ihn dir ans Ohr.“

FunKu sah sie prüfend an, um sicherzugehen, dass sie es ernst meinte. Sie meinte es ernst. Also hielt er sich den Löffel ans Ohr und lauschte. Er kam sich dabei ziemlich albern vor, was auf den Morgenwiesen allerdings niemanden störte.

„Ich höre nichts“, sagte er nach einer Weile.

„Doch“, sagte Safi. „Du hörst, dass du wartest. Mehr soll die Übung gar nicht.“

Und da merkte FunKu, dass die vernünftige Stimme aufgehört hatte. Sie war nicht widerlegt worden. Sie war übergangen worden, so lange, bis sie sich langweilte.

Dann nahm er den Löffel, sah ihn an (gelb wie junger Morgen), roch daran (süß, warm, ein bisschen wie Ferien) und probierte.

Und der Morgen schmeckte nach Sonne.

Unten am Wiesenrand kam um diese Zeit ein Kind an der Bank vorbei, auf der seit dem Morgen der Korb mit den Beeren stand.

Es ging daran vorbei wie alle anderen auch. Dann blieb es stehen.

Nicht, weil es Hunger hatte. Sondern weil ihm etwas auffiel, das ihm noch nie aufgefallen war: dass die Beeren nicht alle gleich rot waren. Manche waren fast schwarz. Eine war beinahe orange. Ganz unten lag eine, die war auf der einen Seite hell und auf der anderen dunkel, als hätte sie sich nicht entscheiden können.

Das Kind sagte nichts. Es nahm auch keine.

Es ging weiter. Aber es hatte hingesehen, und auf den Morgenwiesen wurde das Gras ein winziges bisschen grüner, ohne dass irgendjemand wusste, warum.

Den ganzen Vormittag hielten die beiden zusammen die erste Lernwelt: die Farben. Safi zeigte FunKu, wie man ein Frühstück ansieht, bevor man es isst, und FunKu zeigte Safi, wie man dabei kichert. Der erste Mut und das erste Hinsehen: so gehörten sie zusammen wie Löffel und Schüssel.

Erst am Mittag, als FunKu satt und glücklich im Gras lag, fiel Safi etwas auf.

Ganz am Rand ihrer Wiesen, dort, wo Bloomia in den Himmel übergeht und selbst die Karten keine Namen mehr wissen, zitterte ein Licht. Es war nicht grau. Es war nicht golden wie ihre Sonne. Es war silbrig-violett, wie der letzte Streifen Abendhimmel, und es kam und ging, als würde es atmen.

Safi kannte jeden Sonnenstrahl über ihren Wiesen. Sie kannte die Reihenfolge, in der die Sterne abends angingen, und sie wusste, welcher davon im Frühling immer zu spät kam. Sie hatte diesen Himmel an jedem einzelnen Morgen ihres Lebens angesehen, und Ansehen war das, was sie am besten konnte.

Das da hatte sie noch nie gesehen.

Sie glühte nicht. Das kam sonst von allein, wenn sie etwas wirklich betrachtete. Jetzt kam es nicht, und Safi merkte, dass ihr das zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nicht geheuer war.

„Was ist da?“, fragte FunKu, der ihrem Blick gefolgt war.

„Ich weiß es nicht“, sagte Safi langsam. Und weil sie Safi war, fügte sie hinzu: „Aber ich werde hinsehen.“

Das Leuchten verschwand, so leise, wie es gekommen war. Safi schüttelte die Flügel und wandte sich wieder zu FunKu. „Der Grausturm zieht weiter“, sagte sie. „Er geht immer dorthin, wo es am lautesten ist und am wenigsten still. Ich spüre es. Flieg in den Sternenwald, dort wohnt einer, der die Stille kennt wie kein Zweiter. Wenn du ihn weckst“, lächelte sie, „und das wirst du müssen, er schläft nämlich gern, dann sag ihm: Safi schickt dich.“

Und FunKu packte seine Dose, nahm Anlauf, stolperte, nahm noch einmal Anlauf und flog gen Westen, wo die Bäume dunkler wurden und der Himmel nach Abend roch.

Was diese Episode für Eltern trägt:
Kernidee: Wahrnehmen ist schon Schmecken. Sehen und Riechen gehören zum Essen: wer hinschaut, bevor er urteilt, hat schon angefangen.
Am Tisch: „Safis Sonnen-Bowl“: erst schauen (welche Farbe entsteht beim Einrühren?), dann riechen, dann probieren. Extra: die Nasen-Probe (Nase zu, probieren, Nase auf).
Gesprächsfunke: „Woran erinnert dich dieser Geruch?“ Gerüche erzählen Geschichten, jede Antwort ist richtig.
Für dich als Vorleser:in: Safis ruhiger Blick tut auch beim Vorlesen gut, ganz ohne Eile.

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