Im äußersten Osten von Bloomia, dort, wo der Tag als Erstes über die Bergkante klettert, liegt der Drachenkrater. Wer ihn zum ersten Mal sieht, bleibt stehen und staunt: Die Felsen leuchten rot wie reife Himbeeren, und aus den warmen Quellen zwischen den Steinen springen kleine pinke Funken, die kurz in der Luft tanzen und dann wie Glühwürmchen verlöschen. Die Drachen des Kraters sagen, jeder Funke sei ein Geschmack, der sich freut.
In diesem Krater lebte ein kleiner Drache namens FunKu. Er war nicht der größte Drache: beim Fliegen geriet er öfter ins Trudeln, und über seine eigenen Füße stolperte er ungefähr dreimal am Tag. Er war auch ganz sicher nicht der klügste. Aber eines konnte FunKu besser als alle anderen: probieren. Wenn irgendwo etwas Neues zu schmecken war, war FunKu der Erste, der die Schnauze vorstreckte. „Man weiß nie, wie es schmeckt“, sagte er dann, „bis man es weiß.“ Die anderen Drachen fanden das nicht besonders heldenhaft. FunKu fand das auch nicht. Es war einfach seine Art.
Eines Morgens war etwas anders.
FunKu merkte es noch vor dem Aufstehen, so wie man merkt, dass es in der Nacht geschneit hat, ohne aus dem Fenster zu sehen. Es war zu still. Kein Zischen von den Quellen, kein Knistern der Funken. Er tappte aus seiner Höhle und blieb stehen.
Über dem Krater hing eine Wolke. Keine Regenwolke, keine Gewitterwolke. Eine graue, stille, schwere Wolke, die aussah, als hätte jemand den Himmel vergessen anzumalen. Sie donnerte nicht. Sie blitzte nicht. Sie lag nur da und machte alles darunter ein bisschen … egal.
Das war der Grausturm.
Er kam nicht mit Lärm, sondern mit Stille. „Iss schnell, red nicht, riech nicht erst“, flüsterte er in die Ohren der Drachen, so leise, dass sie dachten, es wäre ihr eigener Gedanke. „Wozu hinschauen? Es schmeckt doch sowieso.“ Und die Drachen aßen, ohne hinzusehen, ohne sich zu erzählen, was der Tag gebracht hatte, so wie gestern, und vorgestern, und vorvorgestern. Wo der Grausturm vorbeizog, wurde alles still. Die roten Felsen wurden grau wie alter Zwieback. Die Beeren an den Sträuchern hingen noch da, aber niemand hielt mehr inne, um sie zu schmecken, als hätte jemand die Neugier herausgenommen und vergessen, sie zurückzulegen. Und die Funken. Die Funken sprangen nicht mehr.
FunKu lief zum großen Platz in der Kratermitte, wo der alte Kraterdrache saß. Der alte Kraterdrache war so alt, dass seine Schuppen aussahen wie verwitterte Landkarten, und er sprach nur, wenn es sich lohnte.
„Was ist das da oben?“, fragte FunKu atemlos. „Und warum schmecken die Beeren nach Pappe?“
Der alte Drache sah lange in die graue Wolke. „Das ist der Atem des Großen Vergessers“, sagte er schließlich. „Er nimmt uns nichts weg. Das ist sein Trick. Er lässt uns nur vergessen, dass es mehr gibt.“ Er senkte den Kopf zu FunKu herab. „Wenn niemand mehr hinschaut, schläft die Farbe ein. Nur wer wieder hinsieht und mit anderen teilt, weckt sie auf.“
„Etwas Neues wagen“, wiederholte FunKu. Er schluckte. Ausgerechnet er? Er war doch nur der kleine Drache, der überall gegen flog. Aber dann sah er sich um: die grauen Felsen, die müden Gesichter, die Beeren ohne Geschmack. Und er merkte, dass ihm das ganz und gar nicht gefiel. Nicht, weil es gefährlich aussah. Sondern weil es nach nichts aussah.
Also tat FunKu, was FunKu am besten konnte.
Er tappte zur letzten Quelle am Rand des Kraters, der einzigen, in der noch ein allerletzter pinker Tropfen schimmerte, klein wie eine Träne. Der Weg dorthin war grau und still, und der Grausturm flüsterte die ganze Zeit: „Lass doch. Du kennst das nicht. Was, wenn es dir nicht schmeckt?“ „Dann weiß ich es wenigstens“, murmelte FunKu zurück, stolperte über einen Stein (natürlich), rappelte sich auf, kletterte auf den Quellrand, schloss die Augen und probierte.
Zuerst kam die Süße, warm und rund wie ein Sommernachmittag. Dann ein feines, spitzes Kitzeln, das ihm bis in die Ohrenspitzen fuhr. Und dann, ganz hinten auf der Zunge, wo die mutigen Geschmäcker wohnen: ein Funke.
Ein winziger pinker Funke sprang aus der Quelle. FunKu riss die Augen auf. Der Funke tanzte über das Wasser, landete auf einem grauen Stein, und der Stein erinnerte sich. Rot kroch über ihn wie Morgenlicht. Ein zweiter Funke sprang, ein dritter, und wo sie landeten, kehrte die Farbe zurück: erst die Steine, dann die Sträucher, dann die Beeren, die plötzlich wieder so dufteten, dass FunKus Magen laut und deutlich seine Meinung sagte.
Die graue Wolke über dem Krater zuckte zusammen, wenn eine Wolke das kann, und zog sich ein Stück zurück. Nur ein Stück. Aber es reichte, damit die Sonne eine Kante des Kraters fand.
„Du hast ihn nicht weggekämpft“, sagte der alte Kraterdrache, der plötzlich hinter ihm stand. In seinen alten Augen glomm etwas, das lange nicht mehr dort gewesen war. „Kämpfen kann man gegen den Grausturm nicht. Du hast die Farbe daran erinnert, wie sie schmeckt. Das ist alles. Und das ist genug.“
FunKu sah auf seine Pfoten, dann auf die tanzenden Funken. „Aber der Sturm ist nicht weg“, sagte er. „Er ist nur … weitergezogen.“
„Ja“, sagte der alte Drache. „Er zieht immer weiter. Dorthin, wo keiner mehr probiert.“
Da wusste FunKu, was zu tun war. Er nahm eine kleine Dose, gerade groß genug für einen Löffel, und füllte einen Funken hinein, vorsichtig, wie man ein Glühwürmchen trägt. „Einer muss den anderen Bescheid sagen“, sagte er. „Einer muss anfangen.“
Der alte Drache nickte. „Dann flieg dorthin, wo der Tag zuerst erwacht. Zu den Morgenwiesen. Dort wohnt eine, die sehen kann, was andere übersehen.“
Und so stolperte FunKu in den Morgen hinein, die Dose fest unter dem Flügel: Er flog ein Stück, purzelte, flog weiter. Und hinter ihm leuchtete der Drachenkrater himbeerrot, wie eine Insel im Grau.
Man muss den Grausturm nicht besiegen, dachte FunKu, während der Wind unter seine Flügel griff. Man muss nur den ersten Löffel wagen. Den Rest macht die Neugier.