Episode 1 — FunKu und der erste Funke: pinke Funkenquelle am Drachenkrater
Bloomia-Saga · Staffel 1 · Episode 1

FunKu und der erste Funke

Drachenkrater · Himbeer Funken · warm pink · Vorlesezeit ca. 7 Minuten

Im äußersten Osten von Bloomia, dort, wo der Tag als Erstes über die Bergkante klettert, liegt der Drachenkrater. Wer ihn zum ersten Mal sieht, bleibt stehen und staunt: Die Felsen leuchten rot wie reife Himbeeren, und aus den warmen Quellen zwischen den Steinen springen kleine pinke Funken, die kurz in der Luft tanzen und dann wie Glühwürmchen verlöschen. Die Drachen des Kraters sagen, jeder Funke sei ein Geschmack, der sich freut.

In diesem Krater lebte ein kleiner Drache namens FunKu. Er war nicht der größte Drache: beim Fliegen geriet er öfter ins Trudeln, und über seine eigenen Füße stolperte er ungefähr dreimal am Tag. Er war auch ganz sicher nicht der klügste. Aber eines konnte FunKu besser als alle anderen: probieren. Wenn irgendwo etwas Neues zu schmecken war, war FunKu der Erste, der die Schnauze vorstreckte. „Man weiß nie, wie es schmeckt“, sagte er dann, „bis man es weiß.“ Die anderen Drachen fanden das nicht besonders heldenhaft. FunKu fand das auch nicht. Es war einfach seine Art.

Eines Morgens war etwas anders.

FunKu merkte es noch vor dem Aufstehen, so wie man merkt, dass es in der Nacht geschneit hat, ohne aus dem Fenster zu sehen. Es war zu still. Kein Zischen von den Quellen, kein Knistern der Funken. Er tappte aus seiner Höhle und blieb stehen.

Über dem Krater hing eine Wolke. Keine Regenwolke, keine Gewitterwolke. Eine graue, stille, schwere Wolke, die aussah, als hätte jemand den Himmel vergessen anzumalen. Sie donnerte nicht. Sie blitzte nicht. Sie lag nur da und machte alles darunter ein bisschen … egal.

Das war der Grausturm.

Er kam nicht mit Lärm, sondern mit Stille. „Iss schnell, red nicht, riech nicht erst“, flüsterte er in die Ohren der Drachen, so leise, dass sie dachten, es wäre ihr eigener Gedanke. „Wozu hinschauen? Es schmeckt doch sowieso.“ Und die Drachen aßen, ohne hinzusehen, ohne sich zu erzählen, was der Tag gebracht hatte, und niemand merkte es, nicht gestern, nicht vorgestern, nicht vorvorgestern. Wo der Grausturm vorbeizog, wurde alles still. Die roten Felsen wurden grau wie alter Zwieback. Die Beeren an den Sträuchern hingen noch da, aber niemand hielt mehr inne, um sie zu schmecken, als hätte jemand die Neugier herausgenommen und vergessen, sie zurückzulegen. Und die Funken. Die Funken sprangen nicht mehr.

FunKu lief zum großen Platz in der Kratermitte, wo der alte Kraterdrache saß. Der alte Kraterdrache war so alt, dass seine Schuppen aussahen wie verwitterte Landkarten, und er sprach nur, wenn es sich lohnte.

„Was ist das da oben?“, fragte FunKu atemlos. „Und warum sieht keiner mehr die Beeren an?“

Der alte Drache sah lange in die graue Wolke. „Das ist der Atem des Grausturms“, sagte er schließlich. „Er nimmt uns nichts weg. Das ist sein Trick. Er lässt uns nur vergessen, dass es mehr gibt.“ Er senkte den Kopf zu FunKu herab. „Wenn niemand mehr hinschaut, schläft die Farbe ein. Nur wer wieder hinsieht und mit anderen teilt, weckt sie auf.“

„Wieder hinsehen“, wiederholte FunKu. Er schluckte. Ausgerechnet er? Er war doch nur der kleine Drache, der überall gegen flog. Aber dann sah er sich um: die grauen Felsen, die müden Gesichter, die Beeren ohne Geschmack. Und er merkte, dass ihm das ganz und gar nicht gefiel. Nicht, weil es gefährlich aussah. Sondern weil es nach nichts aussah.

Also tat FunKu, was FunKu am besten konnte.

Zumindest wollte er das.

Der Weg zur letzten Quelle am Kraterrand war nicht weit. FunKu war ihn hundertmal gegangen, meistens im Sprung, zweimal davon kopfüber. Heute kam er ihm länger vor. Der Boden war derselbe, die Steine waren dieselben, aber die Luft lag schwer auf seinem Rücken wie eine Decke, die jemand vergessen hatte wegzunehmen.

Und der Grausturm redete.

Er brüllte nicht. Er drohte nicht. Er sagte freundliche Dinge, und genau das war das Unangenehme daran. „Lass doch“, flüsterte er. „Du bist müde. Du warst gestern auch schon müde.“ FunKu ging weiter. „Du kennst das gar nicht“, flüsterte der Grausturm. „Was, wenn es dir nicht schmeckt?“

FunKu blieb stehen.

Denn das war eine gute Frage. Er stand mitten auf dem grauen Weg und dachte darüber nach. Was, wenn es ihm wirklich nicht schmeckte? Dann wäre er den ganzen Weg umsonst gegangen. Dann hätten die anderen recht gehabt mit dem, was sie über ihn sagten. Dann müsste er zurücktapsen, am alten Kraterdrachen vorbei, und zugeben: nichts. Es ist nichts passiert.

Der Grausturm sagte nichts mehr. Er wartete nur. Er hat sehr viel Geduld, der Grausturm. Er muss nie jemanden umdrehen. Es reicht ihm, wenn man von selbst stehen bleibt und lange genug nachdenkt.

„Dann weiß ich es wenigstens“, sagte FunKu.

Er sagte es nicht besonders laut. Aber er sagte es, und danach ging es leichter, weil ein ausgesprochener Satz schwerer wiegt als ein gedachter. Er stolperte über einen Stein (natürlich), rappelte sich auf und kletterte den Quellrand hinauf. Da unten lag er: ein allerletzter pinker Tropfen, klein wie eine Träne, in einer Mulde aus grauem Fels.

FunKu holte Luft. Dann schloss er die Augen und probierte.

Zuerst kam gar nichts. Einen Wimpernschlag lang war da nur kühles Wasser, und FunKu dachte: Na super.

Dann kam die Süße, warm und rund wie ein Sommernachmittag. Dann ein feines, spitzes Kitzeln, das ihm bis in die Ohrenspitzen fuhr. Und dann, ganz hinten auf der Zunge, wo die mutigen Geschmäcker wohnen: ein Funke.

Ein winziger pinker Funke sprang aus der Quelle. FunKu riss die Augen auf. Der Funke tanzte über das Wasser, landete auf einem grauen Stein, und der Stein erinnerte sich. Rot kroch über ihn wie Morgenlicht. Ein zweiter Funke sprang, ein dritter, und wo sie landeten, kehrte die Farbe zurück: erst die Steine, dann die Sträucher, dann die Beeren, die plötzlich wieder so dufteten, dass FunKus Magen laut und deutlich seine Meinung sagte.

Die graue Wolke über dem Krater zuckte zusammen, wenn eine Wolke das kann, und zog sich ein Stück zurück. Nur ein Stück. Aber es reichte, damit die Sonne eine Kante des Kraters fand.

Weit weg von alldem, unten im Tal, wo Bloomia aufhört und die Häuser anfangen, saß an diesem Morgen ein Kind am Tisch.

Auf seinem Teller lag etwas, das es nicht kannte. Es hatte schon beschlossen, es nicht zu essen. Das hatte es sofort beschlossen, noch bevor der Teller richtig stand, so wie man das eben macht.

Aber jetzt sah es das Ding an. Nur an. Ein bisschen länger, als nötig gewesen wäre.

Das Kind aß es nicht. Nicht an diesem Morgen.

Es sah es nur an. Und weit hinter den Bergen, in einem Krater, von dem es nie gehört hatte, sprang ein Funke.

„Du hast ihn nicht weggekämpft“, sagte der alte Kraterdrache, der plötzlich hinter ihm stand. In seinen alten Augen glomm etwas, das lange nicht mehr dort gewesen war. „Kämpfen kann man gegen den Grausturm nicht. Du hast die Farbe daran erinnert, wie sie schmeckt. Das ist alles. Und das ist genug.“

FunKu sah auf seine Pfoten, dann auf die tanzenden Funken. „Aber der Sturm ist nicht weg“, sagte er. „Er ist nur … weitergezogen.“

„Ja“, sagte der alte Drache. „Er zieht immer weiter. Dorthin, wo keiner mehr probiert.“

Da wusste FunKu, was zu tun war.

Er suchte sich eine kleine Dose, gerade groß genug für einen Löffel. Dann hielt er sie über die Quelle und wartete, bis ein Funke von selbst hineinsprang. Man kann Funken nicht einfangen. Man kann ihnen nur die Dose hinhalten und höflich sein.

„Einer muss den anderen Bescheid sagen“, sagte er. „Einer muss anfangen.“

Der alte Drache nickte. „Dann flieg dorthin, wo der Tag zuerst erwacht. Zu den Morgenwiesen. Dort wohnt eine, die sehen kann, was andere übersehen.“

Und so stolperte FunKu in den Morgen hinein, die Dose fest unter dem Flügel: Er flog ein Stück, purzelte, flog weiter. Und hinter ihm leuchtete der Drachenkrater himbeerrot, wie eine Insel im Grau.

Man muss den Grausturm nicht besiegen, dachte FunKu, während der Wind unter seine Flügel griff. Man muss nur den ersten Löffel wagen. Den Rest macht die Neugier.

Was diese Episode für Eltern trägt:
Kernidee: Der erste mutige Löffel. Kinder dürfen Neues in ihrem eigenen Tempo wagen: Neugier statt Überredung.
Am Tisch: „FunKus erster Löffel“: einen Löffel von etwas Neuem in Ruhe ansehen, dann probieren. Einzige Frage: „Was schmeckst du zuerst?“ Kein richtig, kein falsch, und „mag ich nicht“ ist eine gültige Antwort.
Gesprächsfunke: „Was hast du schon mal zum ersten Mal probiert? Wie war das kurz davor?“
Für dich als Vorleser:in: FunKus Getrapse und Gestolper liest sich am schönsten mit etwas Schwung in der Stimme.

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